StillgelebtWie stillgelebt wir doch geworden sind, das laute Schreien hat uns leise gemacht, weil wir in den Ohren der anderen nichts mehr zu sagen haben. Wir sind Banker, Schwangere, Hornusser. Wir erschaffen die Kunst mit Unwirklichkeit, sind pausenlos auf der Suche nach dem Kontext, steigen lieber nicht auf’s Dach dafür einmal mehr ins Internet. Wir fahren ans Meer, weil das Meer nicht zu uns fährt, sind schöner mit Gel im Haar, interessanter, weil wir nicht hinsehen. Wir hören in den Nachrichten was wir von der Welt nicht wissen, erwürgen uns mit dem kürzen unserer Tage, verwischen unsere innere Ruhe mit Drang für Stall und Ausritt. Wir sind Zürcher, Bieler, Hinwiler. Wir versuchen schwierig zu sein, zu lügen, die Wahrheit war früher. Wir nehmen Wohnungen, Drogen, mit Musik hört sich alles besser an. Wir sind stille Hasen, arme Schweine. Wir steigen auf Bühnen, verschieben Mittelpunkte, setzen neue Sitzreihen, damit die Nähe nicht so schmerzt. Wir fliegen heim, grinsen uns durch Passkontrollen, haben nicht einmal mehr unsere Seele zu verzollen. Wir sind Gian, Ursula, Wannenmacher. Wir investieren für den Morgen, sterben noch heute Nacht. Wir essen Salsa mit Paprika, Joghurt mit Senf. Kurz waren wir glücklich und schon sind wir wieder nur ein wenig zufriedener.
egal | 04. September 2003, 22:20 Uhr |
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